Manuela Brandt von der Aidshilfe Westmünsterland hat im Rahmen der Kampagne „Kein Aids für alle!“ ein aufsuchendes Angebot für Sexarbeiterinnen geschaffen. In Bordellen gibt sie Schulungen und vermittelt Basiswissen zu HIV und wie man sich davor schützen kann.

 

Was hat für dich den Ausschlag gegeben, ein Präventionsprojekt für Sexarbeiterinnen im Westmünsterland zu initiieren?

Einer meiner Schwerpunkte war schon immer die Arbeit mit und für Frauen. Eine Gruppe von Frauen, die in Bezug auf HIV-Prävention einen besonderen Beratungsbedarf hat, sind Sexarbeiter_innen. Vor allem Frauen mit Migrationshintergrund in der Sexarbeit haben oft ein erhöhtes Risiko, sich mit HIV und anderen sexuell übertragbaren Krankheiten zu infizieren, da sie schlecht deutsch sprechen und oft unter prekären Rahmenbedingungen arbeiten. Sexarbeit ist außerdem immer noch stark tabuisiert und wird gerne unter den sprichwörtlichen Teppich gekehrt. Besonders bei uns im Westmünsterland. Das ist eine sehr konservative Gegend, da ist die Zeit stehen geblieben.

Wie viele Sexarbeiterinnen gibt es bei euch?

Einen Straßenstrich gibt es hier im Westmünsterland nicht. Die Frauen arbeiten in Clubs, Bordellen, in Privatwohnungen und in Wohnwagen, sogenannten Love Mobiles. In der gesamten Region gibt es 17 offizielle Bordelle. Aufgrund der ständigen Fluktuation und der vielen privaten Angebote ist es schwierig, eine konkrete Zahl zu benennen. Die Frauen kommen überwiegend aus Osteuropa, Afrika, Thailand und Spanien. Da wir nah an der niederländischen Grenze liegen, kommen viele Freier von dort.

Wie viele Frauen habt ihr mit eurem Angebot erreicht?

Wir waren in zehn Häusern und haben mit etwa 72 Frauen sprechen können. Das hört sich erst einmal wenig an, aber aufgrund der großen Nachfrage waren wir an manchen Orten auch mehrfach.

Wie habt ihr den Kontakt aufgebaut?

Wir sind einfach schnurstracks drauf los marschiert und haben in den Clubs angeklopft….

Und das hat funktioniert?

Ja, ganz wunderbar. Wir sind sehr gut aufgenommen worden. Das lag sicherlich auch daran, dass wir als Aidshilfe nicht als offizielle, kontrollierende oder gar sanktionierende Stelle wahrgenommen worden sind.

Wie liefen die Schulungen für die Frauen ab?

Wir haben versucht, den Frauen ein Basiswissen zu HIV und AIDS und zu vermitteln. Wir haben sie aber auch über andere sexuell übertragbare Erkrankungen und die unterschiedlichen Möglichkeiten, sich zu schützen und testen zu lassen, informiert. Viele der Frauen sind leider nicht krankenversichert, daher gibt es immer wieder Fragen zu einer günstigen Versicherung. Darüber hinaus war die PEP ein Thema sowie Fragen zum neuen Prostitutionsschutzgesetz, das bis zum heutigen Tag noch immer für viel Verunsicherung sorgt.

Kannst du das genauer erklären?

Das Ziel des Gesetzes ist es eigentlich, den Frauen mehr Sicherheit zu geben. Das wurde deutlich verfehlt. Viele Frauen verschwinden wieder in die Illegalität. Aus Angst vor zu großen finanziellen Belastungen und Sanktionen verlassen sie die Bordelle und ziehen in Privatwohnungen zurück. Dort sind sie deutlich mehr Gefahren ausgesetzt, zum Beispiel durch gewalttätige Freier.

Hattet ihr auch Möglichkeiten mit Freiern zu sprechen?

Das war schwieriger. Wir haben unsere Schulungen morgens gemacht, wenn es in den Clubs noch ruhiger war. Abends wollten die Betreiber nicht, dass wir vor Ort sind. Sie fürchteten wohl, dass dies zu geschäftsschädigend sein würde. Immerhin konnten wir 38 Männer befragen. Viele Freier verlassen sich auf die Gesundheit der Sexarbeiterinnen.

Welche Herausforderungen gab es?

Die größte Herausforderung war die Sprachbarriere zu den Frauen, da viele nur wenig Deutsch sprechen und verstehen. Wir haben versucht mit Sprachmittlerinnen zu arbeiten. Frauen für diese Aufgabe zu finden, war aber wirklich schwierig. Es gibt kaum welche, die in diesem Bereich arbeiten und das notwendige Fingerspitzengefühl für die Themen HIV-Prävention und Geschlechtskrankheiten mitbringen. In diese Thematik mussten die Sprachmittlerinnen zunächst von uns eingearbeitet werden. Das war alles ein sehr großer Zeitaufwand, besonders für so eine kleine Aidshilfe wie wir es sind.

Wie bist du mit der Situation umgegangen?

Was wir auf der persönlichen Ebene nicht selbst vermitteln konnten, haben wir mit fremdsprachigen Broschürenversucht aufzufangen. Darüber hinaus haben wir zum Beispiel auch mit der Webseite Zanzu gearbeitet, die sich speziell an Migranten_innen wendet. In 13 Sprachen finden sich hier alle wesentlichen Themen zur sexuellen Gesundheit einfach und gut erklärt.

Welche anderen Probleme haben die Frauen?

Viele Frauen haben Angst vor einem Outing. Oftmals wissen die Familien nicht, dass sie sich prostituieren. Sie sind gezwungen, ein Doppelleben zu führen. Das ist sehr belastend. Es fehlt den Frauen an Perspektiven auszusteigen, da sie meist nicht gut qualifiziert sind und so nur schlecht einen anderen Job finden.

Welches Fazit würdest du ziehen?

Wir können festhalten, dass sich durch unser Projekt die gesundheitliche Situation für einige Frauen verbessert hat. Zumindest in den Häusern, in denen wir waren. Dort wissen die Sexarbeiterinnen, dass sie nicht alleine sind in ihrer Situation. Sie wissen, wohin sie sich wenden können, um Unterstützung zu finden. Wir machen auf jeden Fall weiter!